Artenschwund und Insektensterben gehören zu den beunruhigensten Themen der Gegenwart. Seit bekannt wurde, dass innerhalb von 27 Jahren etwa 75 Prozent der wertvollen Fluginsekten aus unserer Umwelt verschwunden sind, herrscht  plötzlich Alarmstimmung. Jedem ist klar, auch Politikern, dass ein Umdenken dringend erforderlich ist. Mit Recht weisen allerdings die Landwirte darauf hin, dass Sie an dieser Hiobsbotschaft  nicht alleine schuld sind. Tatsächlich sind neben den Pestiziden auf den Äckern noch eine Reihe anderer Faktoren mitverantwortlich. Allen voran die Lichtverschmutzung, die bisher kaum als so  fatal wahrgenommen wurde.

Forscher haben nun festgestellt: Die verschwenderische Lichtdurchflutung der Nächte verursacht einen erheblichen Anteil am Insektentod. Nach einer Hochrechnung für die Bundesrepublik mit 6,8 Millionen Straßenlampen werden innerhalb einer Flugperiode von drei Monaten  91,8 Milliarden nachtaktive Insekten getötet. Rechnet man noch die vielen anderen Lichtquellen hinzu, werden diese Zahlen noch weit überschritten. Warum die Lampen mit vorwiegend weißem Licht zu Todesfallen für Falter, Käfer und Co. werden,  liegt an deren biologischer Programmierung. Die Fluginsekten haben sich ursprünglich am Mondlicht orientiert. Manche Arten navigieren sogar nach Sternen. Nichts in der Evolution hat sie darauf vorbereitet, dass plötzlich überall Leuchtkörper die Nacht erhellen. In einem Umfang bis zu rund 20 Metern werden die Flattertiere magisch vom grellen Kunstlicht angezogen und wie von einer Art Staubsauger in den Bannstrahl der Lampe gesaugt. Dort irren, schwirren und taumeln sie so lange herum, bis sie desorientiert und erschöpft zu Boden fallen. Verbrennen sollen sie eher selten. Dort fallen sie meist schnell anderen Nachträubern zum Opfer, die schon auf die Beute warten. Auch Spinnen machen sich die Insektentragödie zunutze. Sie sind gewitzt und hängen ihre Netze in der Nähe solcher LIchtquellen auf und hoffen auf ein gefundenes Fressen.

Neben vielen anderen Forschern hat sich das Leibnitz-Institut für Gewässerkunde und Binnenfischerei in Berlin intensiv mit der Problematik der erhellten Nächte beschäftigt. In der dunkelsten und am dünnsten besiedelten Region Deutschlands, der Naturparklandschaft Westhavelland in Brandenburg  wurden Vergleiche zwischen dunklen und erhellten Lebensräumen bei Nacht gezogen. Dr. Franz Hölker und seine Kollegen stellten fest, dass  sich im Dunkeln 76mal mehr Tiere aufhalten als im Hellen. Beleuchtete Straßenzüge wirken wie Lichtbarrieren, die die Insekten am Weiterflug hindern. Ihre Lebensräume sind zerschnitten und damit die Fortpflanzung beeinträchtigt. Sie können oft nicht den passenden Partner finden und die Fortpflanzung bleibt auf der Strecke. Denn einige Insekten haben nur ein paar Tage Zeit für den Liebesakt.  Sie flattern geblendet durch die Gegend, und können sich nicht mehr richtig orientieren. Besonders betroffen sind die Nachtmotten, die wichtige Bestäuber von Pflanzen wie Nelken, Orchideen und der zahlreichen Korbblütlern sind. Außerdem fehlen die Insekten in der Nahrungskette. Auch besonders viele Nachtfalter .kreisen verwirrt um die zivilisatorischen Lichtfallen. Andere Wissenschaftler stellten am Beispiel des Frostspanners fest, dass Weibchen in beleuchteten Zonen etwa nur ein Drittel der Spermapakete mit sich herumschleppen wie im Dunkeln. Die Nachtbeleuchtung kann offenbar auch die Anziehungskraft von weiblichen Sexuallockstoffen ausschalten. Im Dunkeln lässt sich gut munkeln, weiß schon der Volksmund. Das trifft offenbar auch bei  Tieren zu.

Sollen wir nun auf die Beleuchtung verzichten, stolpern oder überfallen werden, damit die Insekten nicht aussterben? Natürlich nicht. Es geht darum, die überflüssige, gedankenlose und verschwenderische Lichtflut einzudämmen. Das Berliner Leibnitz-Institut rät dringend, in der Nähe von wichtigen Lebensräumen für Insekten wie Hecken, Feldrainen oder Flüssen oder angestrahlten Naturdenkmälern zu verzichten, auch auf  nächtliche Illumination von Privatgärten. Ein Übel sind auch nachts beleuchtete Swimmingpools, in denen hundertausende von  Käfern und Faltern hilflos herumpaddeln und ertrinken.  Immerhin sind 60 Prozent aller wirbellosen Tiere nachtaktiv. Die Nacht zum Tag zu machen ist gegen die Gesetze der Natur und stört das ökologische Gleichgewicht viel tiefgreifender, als man bislang dachte. Wo Beleuchtung sein muss, sollten die Lampen möglichst nach oben und seitlich abgedeckt sein und keine blauen oder violetten LIchttöne enthalten. Sie ziehen besonders viele Insekten an. Keine kaltweißen Lampen und wenig UV-Licht. Nicht so verlockend für Insekten sind dagegen die wärmeren Töne im Gelb- und Orangebereich.

Die Fachgruppe „dark sky initiative“ gegen Lichtverschmutzung wirbt wie auch andere Forscher für Natriumdampflampen oder Ledlampen mit warmen Licht. Die Stadt Augsburg hat  inzwischen ihre gesamte Straßenbeleuchtung auf Natrium-Dampflampen umgestellt. Ebenso wie einige Gemeinden. Ein rasches Umdenken ist jedenfalls das Gebot der Stunde, um den beängstigenden Insektenschwund aufzuhalten, wie auch eine Reduktion der Gifte in der Landwirtschaft. Leider gehören auch Windräder zu den Insektenkillern, wie man neuerdings festgestellt hat. Bundesumweltministerin Svenja Schultze hat kürzlich zusammen mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein Aktionsprogramm zur Rettung von Insekten entwickelt. Man darf gespannt sein, inwieweit dabei auch das nächtliche Lichtermeer eingedämmt wird und die Sterne am Nachthimmel wieder etwas heller leuchten.

Text: Marietta Orthofer

 

 

Geblendet, desorientiert und erschöpft – Insektenkiller Licht

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